2011: Der Anfang vom Ende des linearen Fernsehens

Dieser Beitrag erschien am 3. Januar 2011 in meinem damaligen Blog. Da er immer noch aktuell ist, habe ich ihn in diesem Tumblr zur Dokumentation noch einmal veröffentlicht. Das damalige Blog ist mittlerweile geschlossen.

1998 war der Anfang vom Ende der Musikindustrie. Napster ging online. Die Art wie wir heute Musik konsumieren, ist in keiner Weise mit der aus den 90ern zu vergleichen. 2000 markiert den Anfang vom Ende der Zeitungen. Google startete sein Werbeprogramm AdWords. Noch nie konnten Marketingabteilungen ihre Kunden so zielgerichtet erreichen. Schon zwei Jahre später meldete der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger:

In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres (Januar bis Mai) sind die Anzeigenumfänge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 14 Prozent (Ostdeutschland minus 17 Prozent) zurückgegangen, wie BDZV-Geschäftsführer Jörg Laskowski ausführte. Neben den Stellenanzeigen (minus 43 Prozent) waren besonders betroffen: Immobilien (minus 15 Prozent, überregionale Anzeigen (minus 11 Prozent), Kfz-Anzeigen (minus 9 Prozent).

Der Verband ging davon aus, dass es vor allem durch die damalige Konjunkturdelle zu diesen Einbrüchen kam. Erholen sollten sich viele Print-Konzerne, vor allem in den USA, seitdem nicht wieder.

Mittlerweile nahm die technische Evolution in Geschwindigkeit und Masse zu. Das Internet ist überall und jederzeit verfügbar, in Ballungsräumen schon jetzt mit einer immensen Geschwindigkeit auf mobilen Endgeräten.

Das Format “Zeitung” kann nicht mehr mithalten. Weder in Umfang, Schnelligkeit oder Tiefe noch Aufbereitung der Informationen. Ein Ende ist nicht absehbar - weder in der Entwicklung von neuen Rezeptionsformen, noch in einer zeitlichen Variable. Die technische Evolution schreitet voran.

Mit Tablet-Computern und hochleistungsfähigen Smartphones wird auch der letzte Nicht-Nutzer zu einer aktuellen, videolastigen Zeitungsalternative geführt.

Wird nun 2011 der Anfang vom Ende des klassischen Fernsehens sein? Und ist irgendjemand darauf vorbereitet? Es geht in diesem Beitrag nicht um das Sterben klassischer Medienfirmen.

Schließlich ist der Springer-Verlag heute eine der profitabelsten Medienfirmen in Europa, trotz Zeitungs- und Zeitschriftenkrise. Es geht um einen Rundumblick: wo stehen wir technisch? Was wollen die Nutzer und wie lassen sie sich in Zukunft unterhalten und informieren?

Medienfirmen werden nicht aussterben, aber sie müssen sich auf neue Umgebungen und Gewohnheiten einstellen. Und sich fragen wie sehr sie diese neue Umgebung mitbestimmen können.

Kurze Rückblende. Es gibt selten Momente in denen ich es bereue nicht auf Veranstaltungen zu sein, in denen sich Medienmacher die Köpfe rot diskutieren ohne wirklich irgendeine konstruktive Unterhaltung zu führen.

Allerdings wäre ich gerne auf den Münchner Medientagen 2010 gewesen, als eine Runde zusammensaß, die - hätte man die Stundenlöhne zusammengerechnet - sicherlich eine kleine Lokalzeitung eine Woche lang hätte finanzieren können.

Während der scheinheiligen Qualitätsdebatte rund um das deutsche Fernsehen, fiel tatsächlich die Erkenntnis: “..und das wird alles noch viel schlimmer, wenn der ganze Schmutz aus dem Internet plötzlich auf einem Fernseher abrufbar wird.”

Vor Ort hätte ich gerne laut gelacht und festgestellt, dass ich noch nie einen so teuren Dornröschenschlaf gesehen habe. Es war erschreckend, wie fern ab von der Realität die lenkenden Medienmenschen Deutschlands schienen, denn niemand widersprach dieser absurden Feststellung.

Das Fernsehen selbst tummelt sich im Internet und funktioniert auf einem handelsüblichen Laptop scheinbar schon sehr gut parallel zu selbigem. Ein Umstand, der auf einem normalen TV-Gerät für viele Fernsehschaffende scheinbar undenkbar ist.

Die Technik - der digitale Geschwindigkeitszuwachs

Im Jahr 2000, als Napster seine Hochphase hatte, dauerte es im Schnitt zehn bis 20 Minuten bis ein Song komplett aus dem Netz heruntergeladen war. Heute ziehen wir uns ganze Kinofilme in weniger als einer halben Stunde auf den Rechner.

Schon jetzt ist die vierte Geschwindigkeitsstufe der mobilen Datennetze erprobt und einsatzbereit. Die Investitionen der Telekommunikationskonzerne werden nicht lange auf sich warten lassen. Nur noch in wenigen Gegenden Deutschlands ist keine volle DSL-Geschwindigkeit abrufbar.

Es ist eine Frage der Zeit bis die letzten Lücken geschlossen sind. Dann bekommt jeder die Möglichkeit Filme, Fernsehserien und digitale Angebote, wie T-Entertain der Telekom (HD über die Telefonleitung inklusive Pause-Taste fürs Live-Fernsehen), abzurufen.

Ein Vergleich mit der Musikindustrie: In rasantem Tempo - stand einmal flächendeckend die Technik zur Verfügung - saugten sich Menschen mangels komfortablen, legalem Angebot, ihre Lieblingsmusik auf den PC.

Dank MP3-Player konnte man einfacher denn je eine scheinbar unendlich große Masse an Musik bei sich tragen. Während in Deutschland die Zahlen der illegalen Musikdownloads seit den harten Kämpfen der Musikindustrie - unter anderem getrieben von der Firma promedia in Hamburg - zurückgehen, sieht es in Großbritannien weiter düster aus.

Laut der britischen Musikindustrie stehen 370 Millionen legale Musikdownloads immer noch 1,2 Milliarden illegale Downloads gegenüber. Diese Zahlen sind nicht so einfach zu vergleichen, da nicht jeder illegale Download auch gleichzeitig ein legaler gewesen wäre, würde das illegale Angebot nicht zur Verfügung stehen.

Die Nutzer - die Sucht nach Video

Jede verfügbare Studie und auch die steigenden Zugriffszahlen von großen Videoportalen wie YouTube zeigen einen unumkehrbaren Trend: Videos werden langfristig zum meistgefragten Content im Netz.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der jüngsten ARD/ZDF-Onlinestudie habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst. Die Trendkurve geht stark nach oben. Sehr junge Internetanwender suchen mittlerweile häufig über YouTube nach Inhalten, statt zu googlen. Die YouTube Suche hat mehr Zugriffe als Yahoo.

Die Anbieter - veränderte Rollenverteilung

Der Springer-Verlag handelt seit Jahren sehr intelligent. Vielleicht hatten sie zwischendurch auch die Überlegung ins Zugangsgeschäft einzusteigen. Alice stand zum Beispiel mehrmals zum Verkauf. Sie hätten es vielleicht leichter gehabt, als mit der Post oder der ProSiebenSat.1 Mediengruppe, deren Kauf am Kartellamt scheiterte.

Alice hat den Italienern zuletzt 900 Mio. Euro gekostet, der Konzernüberschuss Axel Springer AG Q3/2010: 257,6 Mio. Euro - kein Ding der Unmöglichkeit also.

Wer kontrolliert seit geraumer Zeit den Weg des Contents zum Endnutzer? Alice, Vodafone, Kabel Deutschland und die Telekom mit ihren Triple-Play-Angeboten: Fernsehen, Internet, Telefon aus einer Hand.

Das ist insofern wichtig, als dass die Fernsehsender in Zukunft auch von diesen Firmen abhängig sein werden. Denn die Zugangsanbieter haben einen dicken Player in Sachen Unterhaltung mit im Gepäck und bestimmen wer welchen Platz im Hauptmenü der Settop-Boxen bekommt.

Das Internet wird auf dem heimischen Fernsehgerät in wenigen Jahren ganz natürlich aufrufbar sein. Die Nutzer kennen sich in dieser Welt aus, sie lernen gerade mit Apps umzugehen und was es heißt ein Video zeitsouverän und mit Pausentaste zu schauen, ist seit 2005 - der Geburtsstunde von YouTube - allen klar.

2005 war meiner Meinung nach das Jahr, in dem das Ende des klassischen Videokonsums seinen Anfang fand. YouTube wurde von drei Freunden ins Netz gestellt. Mittlerweile werden täglich weltweit über eine Milliarde Videos abgerufen. Es ist naiv zu glauben, dass YouTube immer nur eine Entertainment-Rolle mit lustigen, kurzen Clips von singenden Katzen und tanzenden Kindern spielen wird.

Es wäre ein leichtes für YouTube, die über ihre Mutterfirma Google mit massig Kapital ausgestattet sind, zu sagen: liebe Produktionsfirma von “Two And A Half Men” wir zahlen euch das Doppelte und bekommen die nächste Staffel exklusiv für YouTube auf Google TV.

Über google.com und youtube.com könnte Google eine Werbeaktion starten, die nahezu jeden Amerikaner erreicht und dann wären die Karten gänzlich neu gemischt und die Fernsehsender müssten sich erst einmal in ihrer neuen Welt zurechtfinden.

Bei Bedarf werden Google, die Telekom oder andere plötzlich zu Content Produzenten. Die großen Fernsehsender haben sich aus diesem Bereich zu einem großen Teil zurückgezogen. Kaum einer der großen Fernsehsender produziert im Bereich der Unterhaltung noch etwas selbst.

Es bleiben Live-Show-Events und informative Formate, wie Nachrichten und Dokumentationen - selbst letztere werden auch bei den öffentlich-rechtlichen häufig extern produziert.

Fernsehen via Internet - missglückte Versuche und Einflussnahme

Einen ersten massiven Versuch den Fernsehmarkt komplett aus den Angeln zu hebeln, haben die großen Medienkonzerne 2010 noch abwenden können. Nach dem Start von Google TV sperrten die Medienkonzerne, vollkommen unbeobachtet von den Kartellwächtern, den Zugang zu ihren On Demand Angeboten und machten das Google Produkt vollkommen unattraktiv.

Amerikas beliebteste On Demand Plattform für TV-Angebote, Hulu, war über Google TV nicht abrufbar. Genauso wie die Mediatheken weiterer großer Fernsehsender. Offensichtlich befürchteten die großen Medienkonzerne, dass ihnen das gleiche Schicksal wie den Verlagen droht.

Sie stellen Google “kostenlos” ihre Inhalte “zur Verfügung” und Google kassiert für die Werbung - eine weiterhin sehr eigenwillige Interpretation der Situation. So leicht wollte man es dem Internetgiganten nicht machen. Nicht beim ersten Versuch.

Die Fernsehsender haben ihre eigene Vorstellung vom Internet auf dem Fernseher. In Form von Standards, die verhindern sollen, dass die größte Werbefläche in heimischen Wohnzimmern plötzlich an andere geht. Irritierenderweise haben Fernsehsender eine eigenwillige Rolle im kommerziellen und rentablen Unterhaltungsbereich eingenommen.

Sie sind der Filter zwischen Produktionsfirmen, die die Inhalte herstellen und dem Konsumenten. Sie erreichen über die Verträge mit den Landesrundfunkanstalten Millionen von Menschen und kontrollieren auf diesem Wege nicht nur in einem gewissen Maß die Politik, sondern auch die Kosten, die Produktionsfirmen für ihre Produkte aufrufen können.

Schließlich zahlt der Endkonsument nicht selbst, sondern ein Fernsehsender als Mittelsmann, der bisher nicht fürchten muss, dass die Produkte anderweitig abrufbar sind und der Endkonsumt sich somit vom klassischen Weg der Konsumierung abwendet - wie es der Musikindustrie plötzlich passiert ist. Die hatten das Geschäft zum Endkonsumenten nie unter Kontrolle. Sie besaßen keine CD-Läden, sie mussten sich nie Gedanken machen auf welchem Weg ihre Musik den Konsumenten erreicht. Sie kümmerten sich um Talente und deren Vermarktung. Plötzlich gab es Napster und es wurde für den Konsumenten deutlich einfacher.

Die Plattenfirmen erwachten aus ihrem zugedröhnten Dornröschenschlaf und fanden sich in einer neuen Welt wieder. Das Produkt erreichte immer noch den Kunden, jetzt über andere Kanäle, ohne, dass irgendwo Geld zurück an die Contentproduzenten floss.

Den Fernsehanstalten kann das so schnell nicht passieren. Sie schließen ihre Verträge direkt mit der Politik, aber der Markt wird diffuser. Nicht nur immer größere Digitalangebote über Satellit, Kabel und Internetleitungen machen den Markt schwer kontrollierbar.

Hinzu kommen unabhängige Mediatheken und Abrufplattformen, die bisher nicht auf dem klassischen TV-Gerät abrufbar sind. Auf dem Laptop, auf dem sich das klassische Fernsehen direkt mit dem Internet seinen Platz erkämpfen muss, sieht die Lage schon anders aus. Laut ARD/ZDF Onlinestudie 2010 schauen 58 Prozent der Onliner Bewegtbild auf Videoportalen. Dagegen stehen nur 15 Prozent, die live am Laptop Fernsehen schauen. Dieser Wert ist um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken.

2011 - die Regeln ändern sich

Um das zu verhindern haben sich zum Beispiel die deutschen Fernsehschaffenden auf das Format HbbTV geeinigt. Der Red Button, der seit Jahren digitale Zusatzangebote in Großbritannien zur Verfügung stellt, soll nun endlich nach Deutschland kommen. Und das obwohl der Red Button schon wieder vom iPlayer der BBC, der nicht nur über TV Geräte sondern vor allem auch über Spielekonsolen, wie die Nintendo Wii und Playstation 3 von Sony, abrufbar ist, zurückgedrängt wird.

Wer sich mit HbbTV auseinandersetzt, bekommt schnell das Gefühl, dass hier jemand das Internet kastriert. Videotext 2.0, Zugang zu den sendereigenen Mediatheken, interaktive Werbung, dazu ausgewählte Webangebote. Noch deutlich geschlossener als Apples iPhone.

HbbTV ist ein Gegenentwurf zu Google TV, kontrolliert von den Fernsehanstalten. Die große Fläche wird freigehalten für Werbung, die die eigene Sales-Abteilung verkauft. Ohne Glaskugel oder andere Tricks lässt sich vorraussehen, dass Google einen zweiten Anlauf mit seiner Fernsehplattform nehmen wird. Spannend wird ebenfalls ein Blick auf die anderen Player, die sich in diesen Markt reinbewegen werden.

Seit Jahren erkämpft sich Apple Stück für Stück einen kleinen Platz in den Wohnzimmern mit der Mini-Settop-Box “Apple TV”. Seit dem letzten Update und der Reduktion auf eine reine Streamingeinheit für iTunes Inhalte ist das Gerät auch noch ein kleiner Erfolg.

Zumindest ist es mittlerweile mehr als ein Hobby, als das es Steve Jobs bisher immer bezeichnet hat. Eine Fortführung der Apps-Technologie auf Apple TV erscheint nur logisch und für dieses Jahr überfällig. Das würde auch den Fernsehsendern eine Möglichkeit geben ihre Inhalte via App auf den Fernseher zu streamen.

Die Frage ist, wie oft die Leute dann noch zurück zum normalen, linearen Fernsehprogramm schalten werden. Zusammen mit dem iPhone, iPod touch und iPad hat Apple den Leuten über die letzten Jahre auch noch eine Fernbedienung in die Hand gegeben, die es so in den Wohnzimmern auch noch nicht gab.

Dazu hatte ich mal etwas im März letzten Jahres geschrieben. Die Frage, die wir jetzt schon beantworten können ist folgende: Lässt sich eine Evolution aufhalten? Nein. Denn sie kommt von unten und breitet sich über eine große Masse von Menschen aus. Sie bildet einen großen Fluss, der sich im Fall des Netzes seit dem Ende der 90er langsam einen Weg durch unseren Medienkonsum sucht. Am Ende wird auch hier nicht bestehende Marktmacht entscheiden.

Zuletzt musste das Microsoft spüren, als die Firma einen zeitgemäßen Sprung aufs Handy verpasste oder Nokia als sie den Weg zum Smartphone scheinbar vollkommen verschlafen haben und sich von Anbietern wie Google und Apple, die zuvor reichlich wenig mit mobilen Telefonapparaten zu tun hatten, abhängen ließen.

Am Ende entscheidet der Nutzer und das beste Angebot. Der Übergang wird schleichend stattfinden, die großen Player positionieren sich und geben ihr Bestes die gemachten Fehler von Musikindustrie und Zeitungsverlagen zu vermeiden.

Am Ende entscheidet der Nutzer und das beste Angebot. So funktioniert jeder freie Markt. Wer die Linien logisch weiterdenkt, kann sich darauf einstellen, Zeit ist noch. Für uns Nutzer wird es eine neue, schöne Videowelt.



Helmut Thoma: 04 Vorreiter Axel Springer: Printverlage brauchen Video-Content

Darüber denken wir sehr intensiv bei Leitwolf nach. Wir glauben fest daran, dass die Zukunft des Magazin-Prints im Videobereich liegt.





Interview mit Medientreff Mitteldeutschland - Kompletten Antworten

Die Macher der Seite zum Medientreff Mitteldeutschland hatten mir vor einigen Tagen ein paar Fragen als Nachtrag zu meinem Artikel bei der bpb geschickt. So richtig glücklich bin ich mit der Kürzung und Zusammenfassung nicht, deshalb hier die Originalantworten aus der E-Mail, die ich zurückgeschickt hatte.

Die Digitalisierung scheint das Medium Radio bisher nahezu verschont zu haben. Oder steht der große Knall erst noch bevor?

Es wird keinen Knall geben. Ich vermute, dass zuerst Verweildauer und Hördauer bei den jungen Hörer sinken werden. Irgendwann spüren das dann alle. Das ist auch ganz natürlich bei einem steigenden Angebot - und damit meine ich nicht klassische, weitere Radiosender, sondern vielmehr eine große Palette an Hörwelten, die uns immer und überall zur Verfügung stehen: Streamingdienste, On-Demand-Angebote, aber auch YouTube. YouTube wird sehr stark gehört, es findet sich dort viel Musik, aber auch Hörspiele und Hörbücher. All das drückt aufs Zeitbudget des klassischen Radios.

Der zweite, meiner Meinung nach sehr unterschätzte Punkt, ist die Verschiebung der Werbebudgets zu Angeboten, die ein viel besseres Targeting der Zielgruppe ermöglichen. Apple soll große Werbekunden für das Angebot “iTunes Radio” gewonnen haben. Die probieren das aus, so wie sie seit Jahren Erfahrungen mit Pandora sammeln und wenn sich dort Zielgruppen besser erreichen lassen, wird perspektivisch weniger Werbung im klassischen Radio gebucht.

Trotzdem: Radio bietet ein tolles, einmaliges Erlebnis. Eine gute Morningshow wird es immer geben und ist immer wichtig. Aber die Konkurrenzumgebung wird eine ganz andere sein.

Pandora, Spotify und iTunes Radio: Sind das die großen Trends, die das Radiohören revolutionieren werden?

Ich würde gerne weiter den Begriff “Hörwelten” benutzen. Klassisches Radio ist eine Hörwelt von vielen, auf einer tollen Plattform UKW, die viele Alleinstellungsmerkmale und Vorteile hat. Wir verstehen darunter eine Art vorgefertigte Playlist,die irgendwo abgespielt und woanders gehört wird.

Dazu gesellen sich in den letzten Jahren immer mehr Hörwelten. Wir müssen dafür nur mal einen Blick in die Charts der App Stores von Google und Apple zu werfen. Da finden wir Soundcloud, Podcast-Apps, Spotify, Simfy, Deezer, Audible, Stitcher und vieles mehr. Überall gibt es neue Hörwelten zu entdecken. Die Revolution ist die Ausweitung des Begriffs “Radio” auf unzählige, neue Angebote und Anbieter.

Und diese hält nun Einzug ins Autoradio. Im Autoradio hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht viel getan. Jetzt wird es da Sprünge geben. Der Begriff “Conntected Car” kann auch als “Smartcar” verstanden werden. Nach den Handys werden jetzt die Autos mit dem Internet verbunden und vor allem nutzbar gemacht. Wir erinnern uns: Auch Nokia hatte lange vor dem iPhone Handys im Angebot, die onlinefähig waren. Aber keiner hat es genutzt. Da musste erst ein gutes Betriebssystem her. Und das erwartet uns jetzt in der sogenannten “letzten Bastion des UKW-Radios”.

Welche Potenziale bleiben im deutschen Radiomarkt bislang ungenutzt?

Mich wundert es bis heute, dass kein deutscher Radioanbieter einen Musikstreamingdienst anbietet. Und damit meine ich keinen einzelnen Sender, sondern eine Gruppe. Jetzt macht das ProSiebenSat.1 mit “Ampya”. Wieso kam diese Entwicklung nicht von Radiomachern? Sie kam von Radiohörern, die von der Musik genervt waren. Ich glaube, da sollte sich sehr schnell etwas tun. Mit Google Play Music All Access und iTunes Radio von Apple haben die beiden wichtigsten Smartphone-Plattformen direkt einen Musikradiodienst dabei.

Spotify hat beispielsweise eine Vereinbarung mit der Telekom. Wer Spotify über seinen Telekom-Vertrag bucht, bekommt das Datenvolumen nicht auf sein maximales Monatsvolumen angerechnet. Warum haben das die Radiosender nicht gemacht?

Personalisierte Werbung ist ein riesiger Punkt, der m.E. überhaupt nicht richtig beachtet wird. Wieso ist das so? Weil es nicht geht? Also machen wir Schluss? Ich finde, da muss ganz viel Gehirnschmalz rein, damit die Werbekunden in Zukunft zu halten sind.

Und was ist mit Premium-Diensten über Apps? Ein ganz plattes, oberflächliches Beispiel, das aber sehr gut zeigt, welches Potential da einfach liegen gelassen wird: 1LIVE hatte über Jahre mit dem Liebesalarm eine Flirtcommunity, die dann durch den Rundfunkänderungsstaatsvertrag verboten wurde. Das war regionales Dating. Das machen jetzt die Apps Lovoo und Badoo auf den Smartphones und verdienen damit echtes Geld. Menschen in der Region zusammenbringen, klassische Aufgabe eines Radiosenders. Es mag abwegig klingen, aber die Kraft, die ein Radiosender über die jetzt noch vorhandenen UKW-Reichweiten hätte, kann Nutzer zu solchen Angeboten treiben.

Können Sie Beispiele nennen, was andere Länder besser machen als wir und warum?

Die US-Radiogruppe Clear Channel hat mit iHeartRadio einen Musikstreamingdienst in seine Radio-App integriert. BBC Radio 1 hat mit dem Claim “Listen. Watch. Share.” deutlich gemacht, dass “Sehen” eine wichtige Säule einer Radiomarke sein wird. 3FM in den Niederlanden arbeitet sehr eng mit dem Fernsehen zusammen und veranstaltete gemeinsame Programmaktionen.

Wir haben hier in Deutschland ganz stark das Problem der absurden Messung der Radioquote per Befragung, die nur zwei mal im Jahr stattfindet. In Großbritannien wird monatlich gefragt und pro Quartal veröffentlicht. Das sorgt für mehr Transparenz bei den Machern. Schauen Sie sich auf rajar.co.uk die Entwicklung der Hördauer von BBC Radio 1, dem Jugendsender an, da ist richtig viel weg gebrochen.

Deshalb entwickeln sie sich dynamischer. Sie spüren es monatlich. Wir bekommen schlechte Zahlen und warten mal ab, wie es bei der nächsten Befragung aussieht. Und in diesen Monaten passiert einfach sehr viel, da die technische Entwicklung seit dem Smartphone und Tablet so immens an Fahrt gewonnen hat, weil sich die Bedienung und Mobilität so stark vereinfacht hat.

Gibt es hierzulande dennoch ein Best-Practice-Beispiel eines Radiosenders, der für die digitale Zukunft gewappnet ist?

Auch wenn ich persönlich vorbelastet bin, sehe ich 1LIVE tatsächlich im Rahmen der Möglichkeiten eines öffentlich-rechtlichen Senders gut aufgestellt. Der WDR hat der Marke ein Digitalradioprogramm ermöglicht, das für Moderatorennachschub sorgen wird, der Sender ist mit unzähligen Events wirklich prägend im Alltag der NRWler und mit Tom Buhrow ist da ein Intendant, der das Thema Digitalisierung wirklich auf dem Schirm hat. Wenn der Sender jetzt das Thema Fernsehen richtig und gut angeht, hat die Marke tolle Möglichkeiten. Moderatoren von 1LIVE gingen oftmals danach ins Fernsehen, leider selten in einem 1LIVE Kontext, da ist wirklich viel möglich.

Insgesamt sieht man in Deutschland wirklich wenig Neues oder echt Innovatives. Radio Hamburg hat eine App bei Spotify, SWR3 bietet dort ein paar Playlisten an. Aber niemand geht das Thema “Personalisierung” wirklich richtig an. Niemand schmiedet spannende Allianzen mit Automobilherstellern, Telekommunikationsfirmen, Handyherstellern oder Plattformen wie radio.de

Jetzt werden die ganzen DAB+/Digitalradio-Anhänger mit mir schimpfen. Aber ich sehe da nicht wirklich erfolgreiches. Vergleichen Sie bei Google Trends Deutschland die Suchbegriffe “Spotify” und “Digitalradio” und sehen Sie, wie erfolgreich welcher Suchbegriff ist.

Erfolgreiches Radio definiert sich in Deutschland immer noch über die Quote. Das ist auch richtig und erklärt den Stillstand über den Tellerrand hinaus. Ich sage nur: Das reicht bald nicht mehr.

Werden wir auch künftig diese Fülle an Radiosendern haben?

Die Fülle ist jetzt schon da. Provokant: Wenn Sie wollen, können Sie nur Lady Gaga hören. Oder Gespräche zum Thema Euro-Krise. Bisher scheitert die Nutzung an Bekanntheit und Bedienung. Bei den Jungen ändert sich das schon stark. Sie hören einfach die Musik, auf die sie Lust haben. Egal, ob im Radio, bei Spotify, YouTube oder Soundcloud. Die finden das schön.

Und das wird in Zukunft noch viel einfacher: Sie sagen ihrem Handy “Spiel Lady Gaga” und es macht das. Sie wissen gar nicht mehr, woher das kommt. Das wird toll! Die Betriebssysteme sind die neuen Gatekeeper. Beobachten Sie einfach kleine Kinder, wie die mit den neuen Geräten aufwachsen. Die stellen nichts in  Frage und sagen auch nie “Früher war es besser.” Die verstehen nicht, warum Papa nicht machen kann, dass das Lied da im Autoradio jetzt nicht noch mal zu hören ist. Die schließen ihr Handy an und hören die neue Katy Perry 10x hintereinander.

Digital Audio Broadcasting (DAB) sollte die Ultrakurzwelle (UKW) bereits vor zwei Jahren ablösen. Doch dies wurde mittlerweile wieder verworfen. Was wird nun kommen?

Irgendwann muss UKW weg. Das mobile Internet braucht mehr Kapazitäten. Das wird jetzt so lange verschoben, bis es niemandem mehr weh tut. Vielleicht zehn, vielleicht 15 Jahre. Das ist wie mit dem CD-Laufwerk im MacBook. Das gibt es auch nicht mehr, ein paar nörgeln noch, aber die meisten vermissen es gar nicht.

Wagen Sie einen Blick in die Kristallkugel: Wie werden wir in zehn, fünfzehn Jahren „Radio hören“?

Ganz viele Anbieter beanspruchen den Begriff “Radio” für sich. Und jeder versteht etwas anderes. “iTunes Radio hat nichts mit klassischem Radio zu tun” sagen sicherlich viele Radiomacher. Das ist aber egal. Am Ende muss irgendwo das Geld herkommen, um das Radio, das ich machen will, finanziere. Und ich sehe da zu wenig Innovation seitens der, die gerade das Radiogeschäft bestimmen.
Der Mensch wird noch lange Hörwelten betreten. Es ist die Frage, wer sie gestaltet und welche erfolgreich sind. Und mit erfolgreich ist nicht nur Masse an Hörern, sondern auch finanzieller Erfolg gemeint. Es ist wie in jedem anderen Bereich auch. Wir sind von einer beschleunigten Digitalisierung umgeben. Rahmenbedingungen ändern sich und neue Möglichkeiten entstehen. Das ist ganz toll und spannend und aufregend. Die Macher sollten mitmachen.
Die Fragen stammen von Annika Kretzschmar. Vielen Dank für das Interview.




The problem for the MI5 men - stuck in their secret bubble - was that they just couldn’t believe that their failure was due to them being useless at their job. Not only had they failed to find any of the traitors, but operation after operation had ended in failure. And they convinced themselves that this meant there had to have been another traitor lurking somewhere in their building - the MI5 HQ in Mayfair.

They began a mad search for enemies inside the organisation itself - seeking to find more hidden traitors who could be used to explain why MI5 kept failing to do its job properly.

It was the search for “Fifth Man” - to go with the other four already exposed, Burgess, McLean, Philby and Blunt

A small group of MI5 men went to their boss and said they wanted to investigate all the past failures looking for evidence of treachery. Their boss was called Sir Roger Hollis - and he said no. His argument was that operations often went wrong because of simple human failure, and to re-examine them on the basis that failure was evidence of treachery would tear the agency apart.

Imagine what it would feel like he said to know you are being watched because a past operation you were involved with had gone wrong. “It’s like the Gestapo” he said.

So the small group of Mi5 agents decided he must be the traitor.

BBC - Blogs - Adam Curtis - BUGGER

  • Quelle BBC